Ich habe Geschichte gelebt!
Ich bin am 26. März 1964 geboren.
Ich bin in eine Welt hineingewachsen, die vom Kalten Krieg bestimmt war. Ost gegen West, Atomwaffen, ständige Bedrohung. Man sprach nicht dauernd darüber, aber sie war immer da – diese latente Angst vor einem Krieg, der alles auslöschen könnte.
Ich bin mitten im Ruhrgebiet geboren. Kohle und Stahl waren hier kein Job, sie waren Identität. Mein Vater und mein Großvater waren auf dem Pütt unter Tage. Ich habe den Niedergang der Kohleindustrie nicht aus der Distanz erlebt, sondern vor Ort. Zechen schlossen, ganze Regionen verloren ihre Grundlage. Strukturwandel klingt harmlos – für die Menschen war es ein Bruch im Leben.
1986 kam Tschernobyl.
Meine Kinder waren noch klein.
Zum ersten Mal wurde mir klar, dass Technik, Fortschritt und Kontrolle eine Illusion sein können. Plötzlich war da unsichtbare Gefahr. Regen, Milch, Gemüse – alles potenziell bedrohlich. Vertrauen in Sicherheit ging verloren, und es kam nie ganz zurück.
1989 fiel die Berliner Mauer.
Ein historischer Moment, von dem man dachte, er sei unmöglich. Euphorie, Hoffnung, ein neues Europa. Und später die Erkenntnis: Wiedervereinigung ist kein Märchen, sondern ein langer, schmerzhafter Prozess mit Gewinnern und Verlierern.
Dann kam der 11. September 2001.
Ein Tag, der die Welt endgültig verändert hat. Livebilder, die sich eingebrannt haben. Danach war nichts mehr wie zuvor: Kriege, Terrorangst, Überwachung, Misstrauen. Die Welt wurde härter, kontrollierter, nervöser.
Ich habe den Übergang von einer analogen zu einer digitalen Welt erlebt.
Ohne Internet aufgewachsen – heute abhängig davon. Wissen jederzeit verfügbar, aber Wahrheit immer schwerer zu erkennen. Geschwindigkeit statt Tiefe. Vernetzung statt Nähe.
Mit Donald Trump wurde mir klar, wie fragil Demokratien wirklich sind.
Dass Populismus, Lügen und Machtinteressen selbst etablierte Systeme destabilisieren können. Dinge, die man für überwunden hielt, kamen zurück – lauter, aggressiver, respektloser.
Und jetzt: der Krieg in der Ukraine.
Mitten in Europa. Ein Angriffskrieg, von dem viele glaubten, so etwas gäbe es hier nicht mehr. Wieder Angst, wieder Aufrüstung, wieder die Erkenntnis: Frieden ist kein Zustand, sondern etwas, das jederzeit verloren gehen kann.
Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich keine ruhige Epoche.
Ich sehe Brüche, Illusionen, Neuanfänge – und immer wieder den Beweis, dass Geschichte nichts Vergangenes ist. Sie passiert jetzt. Und sie trifft ganz normale Menschen.
Was mir dabei immer klarer geworden ist:
Nichts davon ist Schicksal. Es sind menschliche Entscheidungen.
Ich erlebe, wie Demokratien wieder ins Wanken geraten.
Wie in Deutschland eine Partei wie die AfD mit Angst, Ausgrenzung und Geschichtsvergessenheit Erfolge feiert. Als hätte man nichts gelernt. Als wäre das alles nur Theorie und nicht schon einmal katastrophal schiefgegangen.
Ich sehe Präsidenten, die einst befreundete Länder waren, offen mit Angriffen drohen oder sie tatsächlich angreifen. Macht ersetzt Verantwortung, Lautstärke ersetzt Vernunft. Und ich frage mich: Wie weit sind wir gekommen – oder wie weit zurück?
Gerade deshalb glaube ich mehr denn je:
Wenn wir als Menschen nicht zusammenhalten, verlieren wir alles, was mühsam aufgebaut wurde. Frieden, Freiheit, Würde, Respekt – das sind keine Selbstverständlichkeiten.
Ich will nicht in einer Welt leben, in der Hass wieder normal wird, in der Wegsehen bequemer ist als Haltung.
Ich will in einer besseren Welt leben. Und ich weiß: Die entsteht nicht von allein.
Sie entsteht nur, wenn wir sie verteidigen.